(Gegenwind 452, Mai 2026)

Mindest zwanzig Prozent aller Frauen in Deutschland sind in den letzten Jahren Opfer digitaler Gewalt geworden. Nur wenige haben es angezeigt, noch weniger haben sich öffentlich gewehrt. Problem ist, dass es im Strafrecht nicht wirklich vorkommt. Dort gibt es die „Nachstellung”, neudeutsch „Stalking” genannt, dazu gehörten nach Gerichtsurteilen auch die Veröffentlichung privater Fotos oder „Warenbestellungen im Namen des Opfes”, also der Identitätsklau. Der Identitätsklau selbst fällt unter „Betrug” (§ 263), „Fälschung beweiserheblicher Daten” (§ 269), oder es ist Verleumdung oder Beleidigung (§ 185 ff. Strafgesetzbuch).
Das Delikt selbst besteht daran, dass Fotos oder Videos mit Hilfe künstlicher Intelligenz verändert, verfälscht oder komplett neu erstellt werden. In Spanien ist es zum Beispiel direkt im Gesetz genannt, verurteilt wurden auch schon Eltern, deren Kinder in der Schule solche KI-Fotos über Mitschülerinnen produzierten und verteilten. Bis 2027 müssen nach einer EU-Richtlinie alle Mitgliedsländer Deep-fakes, also von KI manipulierte Medieninhalte, ins Strafgesetz aufgenommen sein.
Deepfakes sind zum Beispiel Videos, in den ein Gesicht von der KI ausgetauscht wurde - also in einem Porno mit einer Gruppenvergewaltigung wird das Gesicht der Frau durch das Gesicht einer Bekannten ausgetauscht. Oder es werden Filme mit einer Politikerin oder einem Politiker mit einer täuschend echten Stimme unterlegt, die aber einen völlig anderen Inhalt vorträgt. Die KI kann die Lippenbewegungen an den neuen Text anpassen. Die KI wird immer besser, so dass heute die Fälschungen kaum noch von einer Originalaufnahme zu unterscheiden sind.
Collien Fernandes wurde in Hamburg geboren und ist in Schenefeld aufgewachsen. Sie arbeitet heute als Moderatorin und Schauspielerin (z.B. die Ärztin Jessica Delgado auf dem Traumschiff). Sie war mit Christian Ulmen (z.B. Tatort) von 2011 bis 2026 verheiratet, 2025 trennten sie sich.
Sie war schon länger Opfer von Deep-fakes im Internet, meistens handelte es sich um Pornofilme mit (angeblich) ihr als Hauptdarstellerin. Außerdem gab es eine Reihe von Fotos, in der Regel verfälscht private Fotos, die sie nackt zeigten. Sie engagierte sich schon länger öffentlich gegen Deep-fakes und die damit verbundene digitale Gewalt gegen Frauen, ohne die eigene Betroffenheit in den Mittelpunkt zu rücken.
Nach ihren Angaben sprach sie Weihnachten 2024 mit ihrem Mann über ihre Anzeigen „gegen Unbekannt” in diesem Zusammenhang, und da gestand er ihr, dass er mit gefälschten Konten auf ihren Namen diese Nacktbilder in ihrem Bekanntenkreis verschickt hatte. Er erweckte damit den Eindruck, sie wollte in der Ehekrise Affairen mit anderen Männern beginnen und schickte ihnen dazu Nacktaufnahmen. Die Nachrichten und Bilder kamen aber von ihm, nur mit vorgetäuschtem Absender „Collien Fernendes”. In der Folge kam es auch zu erotischen Telefonaten, bei denen er mit künstlich hoher Stimme ihre Rolle übernahm. Er verschickte auch einzelne Pornofilme, die wohl nicht gefälscht waren, sondern „nur” eine junge Schauspielerin zeigten, die ihr entfernt ähnlich sah. Sie ist jetzt 44 Jahre alt, er schrieb mit gefälschtem Absender „Collien”, es wären 25 Jahre alte Filme aus ihrer („meiner”) Jugend.
Die Deepfakes im Internet stammen wohl von verschiedenen Personen, die sowas im Darknet vertreiben, nicht von ihrem (Ex-)Mann.
Gegen die Darstellung, die der „Spiegel” nach ausführlichen Gesprächen mit ihr und zusätzlichen Recherchen am 20. März (die Scheidung war im Februar) verbreitete, gehen seine Anwälte inzwischen vor. In Spanien hat er schon vor Gericht gegen sie verloren, in Deutschland wurde dem „Spiegel” im April eine Frist zur Stellungnahme eingeräumt.
In etlichen Städten kam es zu Demonstrationen und Kundgebungen. Viele Betroffene brauchten anscheinend nur den Anstoß von einer Prominenten auf dem „Spiegel”-Titel, um selbst zu protestieren. Viele Frauen-Beratungsstellen sagten auch, das Problem selbst wäre in den letzten Jahren nicht selten vorgekommen.
Und natürlich gab es, wie immer, Gegenwehr von denen, die sich angesprochen fühlten: Collien Fernandes bekam Morddrohungen. Sie sagte daraufhin ihre Teilnahme an der Kundgebung in Hamburg öffentlich ab, gegenüber der Polizei aber zu, so dass sie „unerwartet” auftreten konnte, allerdings mit einer Schutzweste bekleidet.
Gegenwehr von denen, die sich angesprochen fühlten, gab es vor allem in der rechten Szene.
Insbesondere die rechten Online-Medien liefen Sturm. Sie witterten eine Verschwörung aus dem rot-grün-woken Spektrum, mal wollte die Klarnamen-Pflicht einführen und Männer pauschal beschuldigen. Sie behaupteten auch, Christian Ulmen wäre beschuldigt worden, die Deepfakes erzeugt zu haben. Nachdem Collien Fernandes das in der ARD richtig stellte - sie hatte das nie behauptet -, kippte die Berichterstattung: Collien Fernandes habe in der ARD alle Vorwürfe widerrufen, die ganze Konstruktion des „Spiegels” wäre zusammengebrochen, die Verschwörung gegen die Männer geplatzt...
Inzwischen ist alles in ruhigere Fahrwasser. Collien Fernandes hat in Deutschland und in Spanien Anzeige erstattet. Die Staatsanwaltschaft in Itzehoe hat ermittelt, auch Fakten herausgefunden. Sie war zuständig, weil beim „Tatort Internet” die üblichen Regeln nicht greifen, da nahm man Schenefeld als „Tatort”7, weil Collien Fernandes dort lange gelebt hat. Inzwischen ist es wegen bestimmter Ermittlungsergebnisse bei der Staatsanwaltschaft in Potsdam gelandet, auch das spanische Verfahren wurde hierhin abgegeben.
Die spanische Staatsanwaltschaft sagte, es wäre nur auf Deutsch kommuniziert worden, Fotos und Filme wären nur an Adressen von deutschen Bekannten der beiden verschickt worden.
Christian Ulmen hat gegen den „Spiegel” geklagt. Er bestreitet die Hauptvorwürfe nicht, er hat Fake-Accounts erstellt und Nacktbilder verschickt. Er bestreitet nur, sie geschlagen zu haben und Deepfakes erstellt zu haben. Das Gericht in Hamburg will nicht schnell entscheiden, sondern wartet erst eine Stellungnahme von „Spiegel” ab.
Das Justizministerium bereitet ein Gesetz vor, mit dem „Deepfakes” selbst unter Strafe gestellt werden. Es soll in nächster Zeit in den Bundestag eingebracht werden. Es wäre gut, wenn Frauenberatungsstellen ein Auge darauf haben. Doch vermutlich ist das wirkliche Problem, die Täter zu identifizieren.
Unbefriedigend bleibt: Das Problem der Belästigung und Bedrohung von Frauen über das Internet ist seit Jahren bekannt. Dass Täter oft aus dem persönlichen Umfeld kommen, ist keine Überraschung. Dass das Justizministerium erst aktiv wird, wenn eine Prominente an die Öffentlichkeit geht und Tausende von Frauen an Kundgebungen teilnehmen, ist traurig.
Reinhard Pohl