(Gegenwind 447, Dezember 2025)

Karte Usedom mit Einzeichnung der Bombenteppiche und des Sperrgebiete bei den Hauptwerken der Meeresversuchsanstalt
Karte des nordwestlichen Bereiches der Insel Usedom
Alle Bilder aus dem Archiv Dr. Nehring

Gefährliches Strandgut

Phosphor statt Bernstein

Bei Bombardierungen von militärischen Einrichtungen an unseren Küsten verfehlte ein nicht unbeträchtlicher Anteil von Munition sein Ziel und fiel ins Meer. Heute, 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, kommt es hierdurch immer noch zu Schadensfällen. Ein Schwerpunkt liegt im Strandbereich der Ostsee-Insel Usedom, wo phosphorhaltige Brandmittel regelmäßig angeschwemmt werden und als vermeintlicher Bernstein zu schweren Verbrennungen bei Sammlern führen. Eine echte Lösung für dieses Problem kann nur eine zielgerichtete Sanierung sein.

In den deutschen Küstengewässern von Nord- und Ostsee lagern noch heute große Mengen Munition. Der weitaus größte Teil der Munition im Meer stammt aus gezielten Versenkungen, die direkt nach Ende des Zweiten Weltkrieges auf Veranlassung alliierter Dienststellen durchgeführt wurden (Anm.1). Die Entsorgung der gewaltigen nicht mehr benötigten Munitionsvorräte auf See galt als kostengünstig, effizient und sicherheitstechnisch unproblematisch. Fragen des Meeresschutzes und der Fürsorgepflicht gegenüber Fischereibesatzungen etc. stellten sich damals noch nicht. Aber schon während des Krieges wurden durch Kampfhandlungen Gewässer mit nicht detonierter Munition teilweise erheblich belastet. So wurden durch die Alliierten wiederholt strategische Ziele, wie z.B. die großen Marinehäfen Wilhelmshaven und Kiel, aber auch die Heeresversuchsanstalt Peenemünde auf der Insel Usedom, bombardiert. Hierbei landete vielfach Munition auf Grund von Fehlabwürfen im Meer.

Zeitbomben unter Wasser

Auch wenn viele Details zu den Versenkungen und den Abwürfen bislang noch unbekannt sind, gilt als sicher, dass vor den deutschen Nordseestränden aktuell 1,3 Mio. Tonnen Weltkriegsmunition lagern, zuzüglich 300.000 Tonnen in der deutschen Ostsee (Anm. 2). Größtenteils handelt es sich dabei um konventionelle Munition (Bomben, Granaten, Minen, Panzerfäuste etc.), chemische Kampfstoffe (‚Giftgas') sind anscheinend nur in geringen Mengen direkt in die deutschen Küstengewässer gelangt. Ein Großteil der Munition ist noch voll funktionsfähig, aktuelle Funde zeigen aber auch, dass vor allem dünnwandige Kampfmittel deutliche Korrosionsschäden mit kleinen bis großen Leckagen besitzen können.

Obwohl in den letzten Jahrzehnten Munition teilweise geräumt wurde, werden bis heute besonders bei Sturmwindlagen viele noch voll funktionsfähige Kampfmittel an die Strände gespült. Ein besonderes Problem stellt hierbei das Anschwemmen von phosphorhaltigen Brandmitteln im Bereich der Insel Usedom dar, durch die seit Jahrzehnten bis heute eine Vielzahl von Strandbesuchern schwer verletzt wurden. Trotz dieses vielfachen Leids hält sich das Bemühen der zuständigen Stellen, das Gefahrenpotenzial an den Usedomer Stränden nachhaltig zu reduzieren, bislang stark in Grenzen.

Operation Hydra

Die Geschehnisse an den Usedomer Stränden beruhen größtenteils auf einer besonderen Episode aus dem Zweiten Weltkrieg. Seit 1936 befand sich im Norden der Insel bei Peenemünde das deutsche V-Waffen- und Flugzeugentwicklungsprogramm, das bekanntermaßen u.a. 1942 die weltweit erste funktionsfähige Großrakete „Aggregat 4” hervorbrachte. Zwischen Dezember 1942 und Frühjahr 1943 erhielten die britischen Nachrichtendienste eine wachsende Zahl von Hinweisen auf geheime militärische Aktivitäten der Wehrmacht auf Usedom. Diese zuvor wenig beachtete Bedrohung bildete in den folgenden Monaten einen Schwerpunkt der britischen Luftaufklärung. Nachdem die Heeresversuchsanstalt für Raketenforschung entdeckt und eindeutig als militärische Forschungs- und Entwicklungsstätten identifiziert werden konnte, beschloss das Londoner Kriegskabinett am 29. Juni 1943 schließlich die Bombardierung der Anlage inklusive seiner Bewohner, um neben militärischem Gerät und Produktionsanlagen auch einen Großteil der führenden Köpfe in der deutschen Raketenforschung auszuschalten. Damit sollte Deutschland in seiner Entwicklung von weitreichenden Raketen um Jahre zurückgeworfen werden.

In der Nacht vom 17. auf den 18. August 1943 starteten nach dem Erhalt des Codewortes „Hydra” 596 viermotorige Bomber der Royal Air Force aus unterschiedlichen Stationierungsorten in Großbritannien Richtung Usedom. Kurz nach Mitternacht wurden von vorausfliegenden Pfadfinderflugzeugen spezielle Markierungsbomben abgeworfen, die das eigentliche Zielgebiet bei Peenemünde für die nachfolgenden Bomber kenntlich machen sollten. Durch Irrtümer der führenden Zielmarkierer, die ihre Leuchtbomben zu weit südlich und zu weit östlich abwarfen, verfehlten die britischen Bomber anschließend einen Großteil ihrer Ziele. Anhand der Auswertung von Luftbildern wurde geschlossen, dass hierbei ungefähr 40 Prozent der abgeworfenen 1.593 Tonnen Spreng- und 281 Tonnen Stab- und Phosphorbrandbomben auf der Ostseite der Insel zwischen Höhe Peenemünde und Trassenheide vor der Küste in die Ostsee fielen (siehe Karte links), (Anm.3).

Berechnungen ergaben, dass insgesamt bis zu 2,5 Tonnen reiner Weißer Phosphor, der als Zündladung diente, sowie mindestens 13 Tonnen einer phosphorhaltigen Brandladung in den Bomben vorhanden waren, die als Fehlwürfe ins Wasser einschlugen (Anm. 4). Da die Zünder nicht für Seeziele vorgesehen waren, dürften die Bomben nach Aussage des zuständigen Munitionsbergungsdienstes beim Wasseraufschlag kaum detoniert sein (Anm. 5). Wahrscheinlich sind aber diverse Bomben beim Aufprall aufgeplatzt. Zudem kommt es durch das Seewasser zur Korrosion, so dass nach und nach die chemischen Inhaltsstoffe offen liegen. Der wasserunlösliche wachsartige Phosphor sowie die phosphorhaltige Brandladung sind im Meer persistent, d.h. sie werden nicht natürlicherweise abgebaut und sind auch nach Jahrzehnten noch komplett vorhanden. Jedoch verbinden sich über die Zeit der Phosphor und die anderen Brandbombeninhaltsstoffe (vor allem Benzol und Kautschuk) im Seewasser zu einer gallertartigen gelblichen Masse mit einer Dichte von nur 0,8 bis 0,9, die somit leichter als Seewasser ist und optisch sehr stark Bernstein ähnelt. Infolge bestimmter Strömungs- oder Windverhältnisse können diese Massen auf dem Meeresgrund emulgieren und in nicht kalkulierbaren Zeitabständen an die Küste geschwemmt werden.

Nach Unterlagen der Royal Air Force wurden beim Angriff auf Peenemünde durch die deutschen Flak-Stellungen im Bereich Usedom mindestens vier Lancaster- und ein Halifax-Bomber abgeschossen, die, bevor sie ihre Bombenlast abwerfen konnten, vor der Insel in die Ostsee gestürzt sind. Über ihren weiteren Verbleib ist nichts bekannt. Es ist davon auszugehen, dass die Spreng- und Brandbomben zumindest teilweise den Absturz unbeschadet überstanden haben. Insgesamt ist dadurch mit ca. einer weiteren Tonne Phosphorbrandbomben vor den Stränden zu rechnen.

Aufbau der Britischen Phosphorbrandbombe des Typs „INC 30 LB”
Britische Phosphorbrandbombe des Typs „INC 30 LB”
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Mysterium Phosphorbomben

Den bisherigen Funden an den Usedomer Stränden nach handelt es sich nach Aussage des zuständigen Munitionsbergungsdienstes bei den Brandbomben mit Phosphorfüllung vor allem um die britischen Bombentypen „INC 30 LB” und „Bomb Smoke 100 LB” (5). Speziell Funde des letzteren Bombentyps überraschen, da dieser nicht während des Bombenangriffs am 18. August 1943 durch die Briten verwendet wurde. Die britische Nebelbombe „Bomb Smoke 100 LB” ist rechteckig und wird auch als Phosphorkanister bezeichnet. Die Blechkanister wurden unmittelbar vor dem Beladen der Einsatzflugzeuge mit jeweils 40 kg Phosphorlösung gefüllt und zu je vier Stück in spezielle Abwurfbehälter gebettet. Bis heute ist nicht bekannt, auf welche Art und Weise dieser Bombentyp an die Usedomer Küste gelangt ist. Bei weiteren Angriffen auf Peenemünde 1944 durch die USA wurden zwar insgesamt mindestens 1655 Tonnen Sprengbomben und 142 Tonnen Brandbomben abgeworfen; Phosphorbomben bzw. -kanister sollen hierbei jedoch keine Verwendung gefunden haben.

Möglicherweise hängen die Funde der Phosphorkanister auch mit den nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Alliierten beauftragten massenhaften Verklappungen chemischer und konventioneller Kampfmittel in der Ostsee zusammen. In Fässern, Granaten und Bomben lagern u.a. Kampfstoffe wie Senfgas, Tabun, Zyklon B und Clark bis heute auf dem Meeresboden vor der Usedomer Küste; ob hierbei auch Phosphorbomben/kanister oder andere phosphorhaltige Kampfmittel (z.B. Rauchbomben, Signalmittel) entsorgt wurden, ist unbekannt. Auch ist ungeklärt, ob DDR Dienststellen auf eigene Veranlassung Munition in Küstengewässern verklappt haben. Aus anderen Seegebieten ist bekannt, dass derartige Kampfmittel teilweise auch heimlich in größeren Mengen entsorgt wurden (1).

Eine zusätzliche Phosphorquelle können Übungen und Manöver aus DDR-Zeiten sein. So wurden an die Usedomer Strände schon mehrere phosphorhaltige Nebeltonnen aus NVA-Beständen angespült, die vermutlich während Manövern der DDR-Marine in die Ostsee geworfen worden waren (Anm. 6). Die vor der Nordwest-Spitze Usedoms liegenden Schiffswracks wurden seit den 1970er Jahren durch die Luftwaffe der DDR und anderer Ostblockstaaten beschossen, wobei teilweise der Einsatz von Phosphormunition nicht auszuschließen ist. Heute ist dieses Gebiet für die Schifffahrt gesperrt, da die gesamte eingesetzte Munition inkl. aller Blindgänger dort noch liegt.

Phosphor - ein teuflischer Stoff

Weißer Phosphor (bei stärkeren Verunreinigungen auch Gelber Phosphor genannt) kann sich selbst entzünden und gehört zu den giftigsten anorganischen Stoffen, die wir kennen.

Phosphorhaltige Brandmittel unter Wasser oder im feuchten Milieu, wie z.B. am Spülsaum, sehen wie Bernstein aus. Erst nach Abtrocknung entzündet sich der Phosphor durch Oxidation an der Luft spontan von selbst und verbrennt mit einer Temperatur von bis zu 1.300° C. Die Flamme ist somit heißer als die aus im Vietnam-Krieg verwendetem Napalm.

Schwerpunkt der Verletzungen beim Menschen ist meistens der Oberschenkel, da die Sammler oftmals den noch feuchten „Bernstein” einfach in ihre Hosentasche stecken. Schon das normale Barfuß-Gehen ist an den Usedomer Stränden nicht ungefährlich. Ein älterer Bernsteinsammler berichtete, dass er vor einiger Zeit am Strand unbemerkt in ein Phosphorklümpchen getreten sei; als er sich in den Sand zum Sonnen legte, brannte auf einmal sein Hacken.

Weißer Phosphor verursacht Verbrennungen dritten Grades mit mehreren Zentimeter tiefen Nekrosen, verbunden mit schlecht heilenden Wunden und der Bildung schmerzempfindlicher Narben. Tückisch ist die Tatsache, dass phosphorhaltige Brandmittel oftmals eine zäh klebrige Konsistenz besitzen, um eine bessere Haftung an Gebäuden und Personen zu erreichen. Nach Entzündung, die diesen Effekt noch verstärkt, ist daher eine Entleerung der Taschen nicht mehr möglich, und es kommt zusätzlich beim Versuch zu starken Verbrennungen an den Händen. Nur das Abdecken mit feuchter Erde oder die Entledigung der brennenden Kleidungsstücke bzw. des brennenden Phosphors von der Haut mit geeigneten Mitteln können die schmerzhaften Verbrennungen stoppen.

Entzündeter Phosphor verbrennt zudem zu stark giftigem Phosphorpentoxid, das mit der Luftfeuchtigkeit weißen Phosphorsäurenebel bildet. Der Rauch reizt Augen und Atemwege. Verstärktes Einatmen des Phosphorrauchs führt zu schmerzenden Verätzungen bis zu Lungenödemen.

Die Giftwirkung von Weißem Phosphor ist enorm. Bereits die orale Aufnahme von 50 mg kann für einen Erwachsenen tödlich sein; entsprechend geringere Konzentrationen gelten für Kinder. Der Tod tritt unter Schwäche und Benommenheit jedoch erst nach 5 bis 10 Tagen ein, da die Giftwirkung auf einer schleichenden Störung der Eiweiß- und Kohlenhydratsynthese beruht. Da die an den Stränden gefundenen Phosphorklumpen leichter als Seewasser sind, könnten sogar Badende im Wasser treibende kleine Partikel Phosphor verschlucken. Beim Schwimmen oder durch die Brandwunden aufgenommener Phosphor erzeugt unterhalb letaler Dosen chronische Schäden u.a. an Leber, Lunge und Nieren, die im Allgemeinen erst Jahre später diagnostiziert werden. Schon durch das Anfassen von Phosphor mit bloßen Händen besteht eine hohe Gesundheitsgefährdung, da Phosphor auch durch intakte Haut aufgenommen wird.

Hinweisschild: Sehr geehrte Strandbesucher!
Hinweisschild zum Phosphorproblem an einem Strandzugang auf der Insel Usedom, kombiniert mit Piktogrammen zum Hunde- und Feuer machen-Verbot am Strand.
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Tod und Leid durch Phosphor

Die Gefahren durch angeschwemmten Phosphor sind vielfältig und gut bekannt, über Usedomer Unfälle wird jedoch nicht gern öffentlich geredet.

Erstmals aktenkundig wurden die Probleme an den Usedomer Stränden durch ein vertrauliches Schreiben des Munitionsbergungsdienstes 1979 an das Innenministerium der DDR (5). Damals sind rund 150 Badeurlauber, darunter viele Kinder, durch angespülten Phosphor am Strandabschnitt zwischen Zempin und Koserow verletzt worden. Hintergrund waren hier seismische Untersuchungen im Rahmen einer Erdgas-Exploration auf Usedom, wodurch massiv Brandbomben, die in der Ostsee lagerten, in Bewegung geraten sind und es zu starken Phosphoranspülungen mitten in der Hochsaison gekommen ist. Die Strände wurden wochenlang gesperrt. Teilweise wurden auch Buhnen sowie größere Mengen angespültes Seegras durch den Phosphor in Brand gesetzt, so dass hier zusätzlich vielfach Brandbekämpfungen notwendig wurden.

Bis zum Ende der DDR war ein Großteil des Strandgebiets zwischen Karlshagen und Peenemünde als militärisches Sperrgebiet ausgewiesen. Zugang zum Strand hatten dort nur Angehörige der Nationalen Volksarmee. Nach Aussage eines Arztes kam es damals zu einer Vielzahl von Unfällen bei Soldaten, die in ihrer Freizeit Bernstein gesammelt hatten. Besonders schwere Unfälle ereigneten sich bei Offizieren, die im Gegensatz zu den Mannschaftsdienstgraden, die nur reine Baumwollsportbekleidung besaßen, mit synthetischen Trainingsanzügen ausgestattet waren. Durch den brennenden Phosphor schmolzen die Fasern und verklebten sich stark mit der Haut. Die Ärzte mussten dann mit Messern den Betroffenen regelrecht die mit Chemiefasern und Phosphor verklebte Haut vom Körper großflächig abschneiden.

Ungeklärt ist bis heute das genaue Ausmaß von Todesfällen durch Phosphor an den Usedomer Stränden. In einem internen Schriftsatz des Munitionsbergungsdienstes aus dem Jahr 1982 steht, dass Phosphorfunde an den Stränden in der Vergangenheit wiederholt zu schweren Unfällen mit teilweise tödlichem Ausgang führten. Weitere Angaben fehlen jedoch.

Anfang 2001 wurde schließlich erstmals eine Gemeinde auf Usedom durch das Oberlandesgericht Rostock verurteilt, einem Urlauber, der im Juli 1997 ebenfalls Verbrennungen erlitten hatte, Schadenersatz und Schmerzensgeld zu zahlen (1 U 170/98). Die Gemeinde habe, so die Richter, ihre Verkehrsicherungspflicht verletzt, da ihr bekannt gewesen sei, dass an dem betreffenden Strandabschnitt häufig Phosphor angeschwemmt werde. Die Gemeinde habe daher die Pflicht gehabt, Urlauber durch Hinweisschilder vor der ihnen dabei drohenden ungewöhnlichen Gefahr zu warnen.

Trotz dieses Gerichtsurteils und trotz des in der Zwischenzeit erfolgten Aufstellens von Hinweisschildern kommt es weiterhin zwischen Trassenheide und Peenemünde regelmäßig zu Schadensfällen. Urlauber und Einheimische sind dabei gleichermaßen betroffen. Jährlich werden allein in der Chirurgischen Universitätsklinik Greifswald bis zu 10 Patienten mit derartigen Phosphorverbrennungen behandelt (Anm. 7). Zusätzlich werden auch Fälle nur privat, durch Hausärzte oder durch das nahe gelegene Kreiskrankenhaus Wolgast versorgt. Die genaue Anzahl ist jedoch unbekannt, da es keine amtliche Zusammenstellung derartiger Vorkommnisse gibt. Dies liegt vornehmlich in der Argumentation begründet, dass angespülter Weißer Phosphor nicht als Kampfmittel im Sinne der geltenden Kampfmittelverordnung des Landes Mecklenburg-Vorpommern angesehen wird und damit keiner Meldepflicht unterliegt (4).

Auch die Presse erhält nur gelegentlich Kenntnis durch involvierte Institutionen, um dem Tourismus auf Usedom nicht „unnötig” zu schaden. Dokumentierte Einzelfälle belegen aber den ganzen Schrecken und das enorme Leid Betroffener. So hatte eine 69-jährige Frau dort einen tennisballgroßen „Bernstein” gefunden und ihn in die Tasche ihres Rockes gesteckt. Innerhalb kurzer Zeit entzündete sich der Fund und die Frau erlitt großflächigere Verbrennungen am linken Oberschenkel sowie an der linken Hand. Erst nach 25 Tagen Klinikaufenthalt konnte die Patientin nach Hause entlassen werden. Schon viel kleinere angespülte „Bernstein”-Stückchen in der Größe einer Fingerkuppe können starke Verbrennungen dritten Grades verursachen, wie wiederholt berichtet wurde (7).

Auch an anderen Stellen entlang der Ostseeküste kann es gelegentlich zu Phosphoranschwemmungen kommen. Aktuell wurde von einem Vorfall in der Nähe von Travemünde berichtet, wo es in einer Kurklinik fast zu einer Brandkatastrophe gekommen wäre. Eine Mutter hatte mit ihrem Kind einen vermeintlichen Bernstein-Klumpen am Strand gefunden und mit ins Zimmer genommen. Dort hat der Fund angefangen zu brennen. Zum Glück hat die Frau den Brand sofort entdeckt und mit einem nassen Handtuch gelöscht (Anm. 8).

Sanierung tut not

Subaquatische Rüstungsaltlasten besitzen ein enormes Gefahrenpotenzial für Mensch und Umwelt und sind als ‚Hot Spots' zu klassifizieren. Speziell der im Bereich Usedom angeschwemmte Phosphor aus konventionellen Brandbomben stellt seit Jahrzehnten eine reale Gefahr für Strandbesucher dar. Auf Grund der anhaltenden Schadensfälle ist das bisher verfolgte Konzept zum Umgang mit dieser Altlast in einem vom Tourismus stark geprägten Gebiet äußerst fragwürdig.

Im Rahmen der Untersuchungen zur Badewasserqualität wird den Usedomer Stränden regelmäßig eine sehr hohe Qualität zuerkannt. Das Vorhandensein von Phosphorpartikeln oder -klumpen im Wasser oder am Strand wird hierbei aber nicht berücksichtigt. Die Usedomer Strände werden für hohe Umweltstandards, Wasserqualität, Sicherheit und Serviceleistungen auch regelmäßig mit dem internationalen Umweltsymbol „Blaue Flagge” ausgezeichnet. Nach Auskunft der Geschäftsstelle „Blaue Flagge” werden Altlasten, auch wenn sie in direktem Kontakt zu den Badestränden liegen, als Bewertungskriterium grundsätzlich nicht berücksichtigt; bei Unfällen wird nur geprüft, ob ein vernünftiges Unfallmanagement vorhanden ist.

Weißer Phosphor ist hoch gefährlich, und es bestehen diverse rechtliche Vorgaben zum Umgang mit diesem problematischen Stoff. So ist es z.B. Lehrern verboten, Schülern Zugang zu dieser in die höchste Gefahrenkategorie eingeordneten Chemikalie (T+ sehr giftig) zu ermöglichen. Besondere Vorsichtsmaßnahmen hinsichtlich Kontakt mit Weißem Phosphor gelten insbesondere auch für werdende und stillende Mütter. Der Munitionsbergungsdienst setzt beim Fund von Phosphor nur professionelle Munitionsräumer mit entsprechender Schutzausrüstung ein. Zur anschließenden fachgerechten Entsorgung wird der Phosphor nur in Spezialgefäßen mit sehr feuchtem Sand transportiert, um eine Selbstentzündung auszuschließen. Auf Grund mehrerer dienstlicher Unfälle in Mecklenburg-Vorpommern, bei denen Kraftfahrzeuge und Kampfmittelräumer durch Phosphor zu Schaden gekommen sind, werden die Spezialgefäße nur noch auf der Ladefläche von offenen Pritschenfahrzeugen transportiert.

Liest man sich den Text auf den wenigen, nur abseits an einigen Strandzugängen auf Usedom aufgestellten amtlichen Hinweisschildern zum Phosphorproblem durch, wird schnell klar, dass weitere Unfälle vorprogrammiert sind. So wird das Sammeln mit bloßen Händen und das Nachhausetransportieren von Bernstein, auch wenn es das Kampfmittel Weißer Phosphor ist, offiziell Erwachsenen, Schwangeren, Jugendlichen und Kindern von Behördenseite erlaubt. Auch haben die Hinweisschilder - im Gegensatz zu den Warnschildern für munitionsbelastete Landflächen auf Usedom - keine echte Warnfunktion. Zudem lenken die Piktogramme vom echten Problem leichtfertig (und möglicherweise sogar absichtlich) ab und wiegen insbesondere fremdsprachige Besucher in trügerischer Sicherheit.

Auf Grund des erheblichen Gefahrenpotenzials sollten aus Vorsorgegründen die Hinweisschilder in echte (mehrsprachige) Warnschilder ausschließlich mit eigenem Phosphorproblem-Piktogramm umgestaltet, direkt im gesamten Bereich des Phosphorproblemgebietes auf den Stränden aufgestellt und die Erlaubnis des Sammelns von „Bernstein” sofort aufgehoben werden. Um langfristig die Einschränkungen für den Tourismus und die Gefahr für Strandbesucher zu minimieren, wäre eine gezielte Räumung der noch im betreffenden Küstenabschnitt liegenden Phosphormunition unabdingbar. Hier könnte auch kurzfristig zur Finanzierung das mit 100 Millionen Euro ausgestattete „Sofortprogramm Munitionsaltlasten in Nord- und Ostsee” zur Sanierung deutscher Meeresgewässer zum Tragen kommen (Anm. 9). Die Usedomer Strände haben nämlich in Deutschland die mit Abstand meisten Unfälle von Strandbesuchern mit Rüstungsaltlasten zu verzeichnen.

Stefan Nehring

Anmerkungen:

1 Nehring, Stefan: Munition im Meer: Mythen - Fakten - Lösungen; Koblenz, 2025.

2 Böttcher, Claus, et al.: Munitionsbelastung der deutschen Meeresgewässer - Bestandsaufnahme und Empfehlungen (Stand 2013); Hamburg, 2014.

3 Tresp, Harald & Dietrich, Axel: Bomben auf Peenemünde, Operation Hydra; Peenemünde, 1993.

4 Deutsch, Heiko: Gefährdungen durch Brandmunitionsaltlasten im Küstenbereich; Rostock, 2010.

5 Phosphor-Ostseeküste Usedom, Schreiben des Munitionsbergungsdienstes Schwerin an das Ministerium des Innern der DDR vom 11.7.1979.

6 Großeinsatz am Ostseestrand - Nebelfässer der DDR-Marine, Meldung des "THB - Täglicher Hafenbericht" vom 8.11.2008.

7 Usedomerin sammelt versehentlich Phosphor statt Bernstein - und fängt plötzlich Feuer, Meldung der „Ostsee-Zeitung” vom 22.10.2023.

8 Vermeintlich gefundener Bernstein war Phosphor und fing an zu brennen, Meldung von „der reporter” vom 22.2.2024.

9 Bundesumweltministerium: Munition im Meer: Das Sofortprogramm zur Beräumung von Munitionsaltlasten in Nord- und Ostsee; Berlin, 2024.

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