(Gegenwind 446, November 2025)

Podiumsdiskussion
Podiumsdiskussion mit Gerrit Derkowski, Viola Ketelsen und Ansgar Stalder, links und rechts außen die Moderator:innen.

Am 16. November wird gewählt:

Offenes Rennen

Kiel wählt eine neue Oberbürgermeisterin oder einen Oberbürgermeister

Am 16. November soll Kiel einen neuen Oberbürgermeister wählen. Da der bisherige Oberbürgermeister Ulf Kämpfer nicht wieder kandidiert, ist das Rennen relativ offen. Das kann ein Grund dafür sein, dass eine Kandidatin und acht Kandidaten sich beworben haben und auch zugelassen sind. Sie kandidieren für die Grünen, CDU und FDP, SPD, SSW, Linke, Volt, Partei, AfD und Basis.

Der bisherige Oberbürgermeister verzichtet nicht auf eine Kandidatur, weil er keine Lust mehr hat. Er hat im Gegenteil Lust auf mehr, er will bei der nächsten Landtagswahl 2027 als Spitzenkandidat der SPD antreten und Ministerpräsident werden.

Bisher sind die Grünen stärkste Partei in Kiel, interessanterweise bei der Kommunalwahl, Landtagswahl, Bundestagswahl und Europawahl. Der jetzige Oberbürgermeister wird von der SPD gestellt, die letzte Wahl hatten die Grünen unterstützt. Aber als stärkste Fraktion im Rat war bei ihnen schnell klar, dass sie diesmal einen eigenen Kandidaten aufstellen. Die CDU als zweitstärkste Fraktion unterstützt einen parteilosen Kandidaten, den die FDP ebenfalls unterstützt. Die SPD hat einen eigenen Kandidaten. Die drei haben sicherlich die besten Chancen. Es ist aber zu erwarten, dass niemand am 16. November die absolute Mehrheit bekommt. Deshalb gibt es am 14. Dezember (2. Advent) eine Stichwahl zwischen den beiden mit den meisten Stimmen. Hier muss man auch berücksichtigen, dass ausgeschiedene Kandidat:innen möglicherweise einen der beiden unterstützen und zur Wahl empfehlen.

Allerdings ist die Wahl eine Persönlichkeitswahl. Die Vertreterin und die Vertreter der kleinen Parteien sind nicht von vornherein chancenlos. Aber man sieht schon an den Plakaten in der Stadt, dass die drei „großen” Parteien mehr Geld, vor allem aber viel mehr Mitglieder haben, die Plakate aufhängen oder Stände organisieren oder Veranstaltungen machen.

Die Kandidierenden

Samet Yilmaz kandidiert für die Grünen. Er ist 44 Jahre alt, arbeitet im Innenministerium als Referatsleiter und ist zur Zeit einer der beiden Fraktionsvorsitzenden der Grünen in der Ratsversammlung.

Ulf Daude kandidiert für die SPD. Er ist 52 Jahre alt, hat schon in der Staatskanzlei gearbeitet. In der SPD führt er die Arbeitsgemeinschaft „Bildung”, selbst ist er zur Zeit Direktor der Gemeinschaftsschule in Kiel-Gaarden.

Gerrit Derkowski ist parteilos, wird aber von CDU und FDP unterstützt. Er ist 56 Jahre alt und war lange Moderator beim NDR, also einem breiten Publikum bekannt (und beliebt). Er hat aber keine Verwaltungserfahrung.

Marcel Schmidt gehört zum SSW. Er ist 61 Jahre alt, Polizeibeamter und führt die SSW-Fraktion in der Ratsversammlung.

Björn Thoroe kandidiert für die Linke, er hat auch bei der letzten Wahl schon kandidiert. Damals war er zwar ohne echte Chance gegen den Amtsinhaber, erreichte aber ein respektables Ergebnis weit über den üblichen Ergebnissen der Linken. Er ist 40 Jahre alt, Landesgeschäftsführer der Linken und führt die Fraktion in der Ratsversammlung.

Florian Wrobel kandidiert für die Partei. In der Ratsversammlung war er Einzelabgeordneter, hat sich der Linken Fraktion angeschlossen. Er ist 32 Jahre als und ist mit 22 Jahren erblindet, bietet Workshops zu Alltagsbarrieren an. Er hat auch schon bei der letzten Wahl kandidiert, allerdings vergeblich.

Viola Ketelsen kandidiert für Volt. Sie ist 31 Jahre alt, die jüngste im Feld der Bewerber:innen. Sie ist freiberufliche Projektmanagerin und hat auch schon einiges in Kiel begleitet und organisiert. Geboren ist sie in Kiel, studiert hat sie in Halle, Odense und Lissabon.

Rechtsaußen kandidieren noch Hubert Pinto de Kraus (52, Tauchlehrer) für die AfD und Ansgar Stalder (58, Maschinenbau-Ingenieur) für die Basis. Stalder war 12 Jahre lang Leiter der „Schlepp- und Fährgesellschaft” in Kiel. In der Coronazeit wurde er entlassen, weil er versuchte, die Maskenpflicht auf den Hafenfähren durch ein gefälschtes Schreiben des Gesundheitsministeriums zu unterlaufen. Beide haben keine wirkliche Chance.

Ein Probleme dieser Wahl entsteht dadurch, das nicht nur Ulf Kämpfer als Oberbürgermeister zu Ostern 2026 aufhört, er ist gleichzeitig Wirtschaftsdezernent. Ungefähr gleichzeitig wird auch die Bürgermeisterin Renate Treutel, im Magistrat für Bildung zuständig, in Rente gehen. Und jetzt hat überraschend der Ordnungsdezernent Christian Zierau, zuständig auch für Personal und Haushalt, gekündet. Er hat das Angebot erhalten, als Bürgermeister das Bezirksamt Hamburg-Eimsbüttel mit 280.000 Einwohner:innen zu leiten. Damit scheiden drei der sechs Dezernenten aus. Der neue Oberbürgermeister (oder Oberbürgermeisterin) muss also die Hälfte der Dezernate neu besetzen. Das legt nahe, dass Verwaltungserfahrung hilfreich ist. Es bietet aber auch die Chance, die Dezernate neu zuzuschneiden. Mehr als sechs dürfen es allerdings nicht sein.

„OB-Talk” in der Halle 400

Am 7. Oktober trafen sich acht der neun Kandidierenden in der „Halle 400”, ein paar Meter vom Hauptbahnhof entfernt. Florian Wrobel hatte kurzfristig wegen Erkrankung abgesagt. Die zweistündige Veranstaltung ist bei YouTube unter dem Titel „Vorstellung der OB-Kandidaten” zu finden.

Zuerst durften alle für 90 Sekunden erläutern, wie Kiel (unter ihrer Führung) 2032 aussieht. Natürlich sieht Kiel dann toll aus, und Samit Yilmaz kündigte gleich den Wahlkampf zu seiner Wiederwahl an. Die Ankündigungen, ob Kiel dann eine Stadtbahn hat oder nicht, führten natürlich ein wenig in die Irre, denn 2032 ist voraussichtlich erst eine Linie fertig. Und darüber entscheidet die Ratsversammlung, der Oberbürgermeister oder die Oberbürgermeisterin muss die Beschlüsse ausführen

Da es sehr viele Kandidierenden sind, hatte die Lokalzeitung „Kieler Nachrichten” dann drei Talkshows zu den Themen Wohnungsbau, Wirtschaftspolitik und Sozialpolitik / Bildung angesetzt, und die Kandidierenden entschieden sich für ein Thema. Dabei wollte Viola zum Wohnungsbau, da waren aber zu viele, das Los schickte sie zur Wirtschaftspolitik.

Im Anschluss an jede Talkrunde, angesetzt für dreimal 30 Minuten, konnten die nicht-beteiligten Kandidat:innen alles eine Minuten kommentieren. Die Zeitbegrenzung war ernst, nach einer Minute war der Ton vom Mikro weg.

Samet Yilmaz (Grüne) zeigte sich (nach Meinung der meisten Anwesenden, die am Schluss abstimmten) relativ sicher auf allen Gebieten. Das liegt auch daran, dass er einer der Fraktionsvorsitzenden der Mehrheitsfraktion ist, die mit der SPD kooperieren und damit eine Art „Regierung” in der Ratsversammlung bildet. Er sprach sich klar für die Stadtbahn aus. Die Frage nach dem Verkauf des MFG-5-Geländes an die Bundeswehr, alternativ der Neubau eines Stadtteils, ließ er etwas offen, weil die Verhandlungen dazu offen sind. Er ist klar dagegen, die in Gaarden und Mettenhof stärkere Kriminalität (in Gaarden vor allem Drogen) mit Repression zu bekämpfen, sondern will ein umfassendes Konzept mit viel Sozialarbeit.

Gerrit Derkowski (CDU und FDP) stellte ein Verkehrskonzept vor, das auf eine Kombination von Schnellbussen, Bussen und einer S-Bahn setzt, die nur auf vorhandenen Gleisen fahren soll, also aus Russee oder Kronshagen. Das Konzept wurde von der Stadt vor einigen Jahren schon geprüft und verworfen, aber er meinte, es wäre kostengünstiger als die Stadtbahn und ähnlich leistungsfähig. Sonst punktete er mit einem Bekenntnis zum Radfahren, mit dem Gendern und einer Gesprächsbereitschaft. 2032 werden noch Autos durch Kiel fahren, aber nicht mehr so viele - er sieht Änderungsbedarf, will aber nicht zu viel ändern.

Ulf Daude (SPD) setzte vor allem auf Wirtschaftsförderung und Gesprächen mit der Wirtschaft, um bessere Bedingungen herzustellen und dadurch Arbeitsplätze zu schaffen. Und er will die Bildung stärken, sich um Schulen und Schulgebäude stärker kümmern. Außerdem will er sich um die Kiwog kümmern, also die städtische Wohnungsbaugesellschaft, und mehr Wohnungen bauen lassen.

Marcel Schmidt (SSW) setzte sehr stark auf Vernunft. Er ist natürlich für die Stadtbahn, die ja von der Ratsversammlung einstimmig beschlossen wurde, will aber einen Bürgerentscheid dazu organisieren. Er will bei allem mit den Bürgerinnen und Bürgern reden, dabei aber neue Bauflächen erschließen, um den Wohnungsbau in Gang zu bringen. Außerdem sprach er auch darüber, wie man die Angestellten im Rathaus anleiten muss, damit alles funktioniert und es weniger Krankmeldungen gibt. Die sind nämlich auffällig hoch.

Björn Thoroe legte sein Schwergewicht auf Gerechtigkeit. Die Mieten sind gesetzlich gedeckelt, aber niemand kontrolliert das. Er will sich dafür einsetzen, das Mietwucher aktiv bekämpft und unterbunden wird. Ähnliche Maßnahmen sagte er auch für andere Bereiche zu. Das MFG-5-Gelände will er nicht zurück an die Bundeswehr verkaufen, sondern der geplante Stadtteil soll dort entstehen. Es behauptete, die Ratsversammlung könnte den Verkauf einfach ablehnen - das stimmt nicht ganz, denn im Rüstungsbereich gibt es auch ein „öffentliches Interesse”, das der Bund feststellen kann, dann ist auch ein Enteignungsverfahren möglich.

Viola Ketelsen konzentrierte sich auf die Stadtplanung. Sie will die Stadt so planen, dass kein Weg länger dauert als 15 Minuten - Bürgerzentren in den Stadtteilen statt ein Rathaus. Und sie will mehr Transparenz, ein Beispiel: Wenn die Stadtbahn gebaut wird, sollen Gucklöcher für die Kinder im Bauzaun sein, damit man dem Entstehen zugucken kann.

Der AfD-Kandidat sorgte für einiges Geraune mit seinen Thesen zu Ausländern. Der Basis-Kandidat sorgte für viel Gelächter, als er die Klimaveränderungen leugnete und ankündigte, alle Klimaschutzmaßnahmen einzustellen.

Abstimmung

Am Schluss gab es eine Abstimmung, an der nicht nur die Besucherinnen und Besucher in der Halle, sondern auch alle teilnehmen konnten, die die Übertragung im Internet zu Hause verfolgten. 1118 Zuschauer:innen nahmen teil und kamen zu dem Ergebnis:

429 / 38% Samet Yimaz

238 / 21% Gerrit Derkowski

170 / 15% Ulf Daude

169 / 15% Marcel Schmidt

Abgeschlagen landeten die anderen bei 4 Prozent (Björn Thoroe), 3 Prozent (Viola Ketelsen), 2 Prozent (Ansgar Stalder) bis 0 Prozent (Hubert Pinto de Kraus und Florian Wrobel mit 4 Stimmen).

Es ist zu erwarten, dass die drei Kandidierenden der großen Ratsfraktionen Samt Yilmaz, Gerrit Derkowski und Ulf Daude die größten Chancen haben, weil die drei Parteien auch die meisten Plakate und Infostände organisieren können. Es gab auch in den letzten Tagen Veranstaltungen von Vereinen, die nur die drei Kandidaten zur Diskussion eingeladen hatten und die anderen sechs nicht.

Diskussion über Samet Yildiz

Viel Aufregung gab es dann ab Mitte Oktober um eine Pressemeldung (BILD und SPIEGEL). Pfingsten gab es in einem öffentlichen Park in Kiel ein nationales Fest eines rechtsradikalen türkischen Vereins, der den „Grauen Wölfen” nahesteht. Das Fest in einem öffentlichen Park am Pfingstsonnabend war von der Stadt genehmigt worden.

Am Sonntag wollte der Verein dann bei der Stadt fragen, ob sie das vereinbarte Aufräumen auf Montag verschieben dürfen, weil es regnete. Sie erreichten aber niemanden. Also schrieb jemand vom Verein an Samet Yildiz, und der leitete die Anfrage an die (grüne) Umweltdezernentin weiter. Die Antwort: Nein, es muss wie vereinbart bis abends aufgeräumt sein.

Das erfuhr später jemand im Innenministerium, wo Samet Yildiz damals beim Verfassungsschutz (ausländische Extremisten) Referatsleiter war. Samet Yildiz, der gerade im Urlaub war, konnte dazu nicht gefragt werden, wurde aber in die Sport-Abteilung versetzt. Und jemand im Innenministerium gab Mitte Oktober diese vertrauliche Information an die BILD und den SPIEGEL weiter, die beide über diesen Kontakt berichteten.

Die anderen Kandidierenden nutzten die Presseberichterstattung nicht, sondern sagten, sie wollen sich auf die Werbung für ihren Kandidaten konzentrieren. Im Landtag forderte die SPD einen Bericht der Innenministerin im Innenausschuss, weil die Abteilung für Verfassungsschutz betroffen war. Den Vorgang selbst hatte die Ministerin schon im Landtag berichtet, aber ohne Namensnennung.

Die Grünen stellten sich hinter ihren Kandidaten, weil er ja nur nach der Veranstaltungen (mit der er nichts zu tun hatte) eine Mail weitergeleitet hat. Allerdings muss ihm klargewesen sein, was für ein Verein das war. Andererseits ist Samet Yildiz auch als Grünen-Politiker immer gegen Extremisten und für die Rechte von Minderheiten eingetreten.

Die naheliegende Frage, warum das zuständige Amt der Stadt die Veranstaltung genehmigt, wurde zunächst nicht gestellt. Denn die Weitergabe der Information, wer die Anfrage des Vereins einen Tag hinterher weitergeleitet hatte, deutet ja an, dass in der Stadtverwaltung der extremistische Hintergrund des Vereins bekannt gewesen sein muss.

Samet Yilmaz hat das Problem, dass er sich dazu als Beamter nicht äußern darf. Und eigentlich dürfen sich Stadt und Innenministerium dazu auch nicht äußern. In AfD-Kreisen im Internet freut man sich offensichtlich, erkennbar an Hunderten von Beiträgen, dass man einen grünen Politiker mit Migrationshintergrund erwischt hat. Auf der linken Seite ist man eher vorsichtig, sich auf eine Berichterstattung der BILD-Zeitung zu berufen und die zu nutzen. Allerdings gab es auch dort Kritik, dass es überhaupt einen Kontakt zwischen dem Verein und dem Fraktionsvorsitzenden gab, wenn auch erst nach der Veranstaltung.

Ob und wie sich das auf die Wahl am 16. November auswirkt, ist natürlich noch nicht klar. Auf lokaler Ebene gibt es nicht wirklich Umfragen, weil das für alle Beteiligten zu teuer ist. Die Probeabstimmung eines Veranstaltungspublikums kann nicht mit einer repräsentativen Umfrage verglichen werden, da solch eine Veranstaltung eher ein spezielleres Publikum hat.

Warten wir es ab. Es ist eher unwahrscheinlich, dass in dieser Konstellation ein Kandidat im ersten Wahlgang eine absolute Mehrheit bekommt. Der Wahlkampf geht deshalb als Zweikampf in den Dezember, wenn nicht noch in der ersten November-Hälfte etwas Entscheidendes passiert.

Reinhard Pohl

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