(Gegenwind 379, April 2020)

Sobitha Balakrishnan
Sobitha Balakrishnan

„Jugendliche bekommen das Gefühl, sie haben dort eine Gemeinschaft gefunden“

Interview mit Sobitha Balakrishnan, Projektleitung der Fach- und Informationsstelle Türkischer Ultranationalismus (diyalog)

Gegenwind:

Es gibt also eine neue Informationsstelle. Was ist das Thema, was ist Deine Aufgabe?

Sobitha Balakrishnan:

Die Fach- und Informationsstelle nennt sich „diyalog“. Der Auftrag ist, zum türkischen Ultranationalismus in Deutschland aufzuklären, zu sensibilisieren, sprich für unterschiedliche Berufsgruppen entsprechend zugeschnittene Weiterbildungsangebote, Workshops für Jugendliche und Vorträge für die interessierte Öffentlichkeit anzubieten. Die Stelle gibt es seit Mai 2019 mit einer Personalstelle von 32 Stunden, die von mir abgedeckt werden. Ich bin also für die Herstellung und Pflege der Kontakte, für die Erstellung der Konzepte, Durchführung der Informationsangebote und auch für die Evaluation derer zuständig. Wir haben die erste Projektphase erfolgreich überstanden, die ging bis Ende 2019. Glücklicherweise geht es jetzt weiter.

Gegenwind:

Wer ist der Träger der Einrichtung?

Sobitha Balakrishnan:

Das Projekt steht unter der Trägerschaft der „Türkischen Gemeinde in Schleswig-Holstein e.V.“, wird gefördert vom Landes-Demokratiezentrum Schleswig-Holstein.

Gegenwind:

Also hundert Prozent Landesförderung?

Sobitha Balakrishnan:

Genau.

Gegenwind:

Wie bist Du zu dem Thema gekommen? Was bringst Du mit, um das zu erarbeiten?

Sobitha Balakrishnan:

Ich studiere derzeit „Migration und Diversität“ hier an der Uni in Kiel. Ich habe da den sprachlichen Schwerpunkt Türkisch und den regionalen Schwerpunkt Vorderer Orient. Ich habe in dem Rahmen im Wintersemester 2018/19 in Istanbul ein Auslandssemester absolviert. Nach meiner Ankunft in Kiel habe ich mich auf die zu der Zeit ausgeschriebene Stelle beworben. Ich habe darin eine Chance gesehen meinen im Studium gewählten Schwerpunkt im Berufsleben weiter zu vertiefen.

Vor dem Master habe ich Kultur- und Sozialanthropologie und Religionswissenschaft in Münster studiert und hatte da einen Schwerpunkt auf Hinduismus und Islam.

Gegenwind:

Jetzt steht auf Eurem Faltblatt das Thema „Ultranationalismus“. Was ist die Abgrenzung zum Nationalismus?

Sobitha Balakrishnan:

Ultranationalismus ist eine überhöhte Form, eine übersteigerte Form des Nationalismus. An dem Punkt, wo Menschen, die nicht zur eigenen Gruppe gezählt werden, ausgegrenzt werden, abgewertet werden, kann ein Unterschied zum Nationalismus gesehen werden. Das sprechen wir in den Informationsveranstaltungen auch an und machen auf diese Unterscheidung aufmerksam. Derartige ultranationalistische Tendenzen haben in den vergangenen Jahren in vielen Ländern leider einen Aufschwung erlebt.

Gegenwind:

Reagiert Ihr auch auf aktuelle Ereignisse? Der Nationalismus wird ja besonders propagiert, wenn die türkische Armee im Krieg ist, wie jetzt in Idlib.

Sobitha Balakrishnan:

Die Frage nach türkischen außenpolitischen Ereignissen wird mir öfter gestellt. Wir haben nicht die Kapazitäten, darauf zu reagieren, in Form von Stellungnahmen oder Ähnlichem. Es ist auch nicht der Auftrag der Fachstelle. Allerdings halte ich mich natürlich in dieser Hinsicht auf dem Laufenden, weil sich das tatsächlich auch in der Szene hier widerspiegelt. Es ist einer der starken Faktoren, die die hiesige Szene mitbeeinflussen und da eine gewisse Dynamik mit reinbringen. Es ist deshalb ganz wichtig, das im Auge zu behalten. Aber die Fachstelle reagiert nicht auf aktuelle Ereignisse.

Gegenwind:

Werdet Ihr oder wirst Du bestellt von Schulen oder Bildungseinrichtungen als Referentin aufzutreten? Nehmen die Anfragen bei solchen aktuellen Situationen zu?

Sobitha Balakrishnan:

Ich kann von den Erfahrungen aus dem letzten Jahr berichten. Da war ich sehr damit beschäftigt, die Fachstelle überhaupt bekannt zu machen und von ihrer Existenz zu berichten. Ich habe im letzten Drittel des Jahres die Früchte davon ernten können. Es kamen Anfragen zu Fortbildungen, Beratungsanfragen, selbst aus Nordrhein-Westfalen, rein. Anfragen gibt es also. Nach wie vor ist es aber wichtig, „diyalog“ weiter zu etablieren. Fortbildungen laufen im Moment sehr gut. Ich versuche mehr im Bereich der Schule die Workshopangebote für Jugendliche bekannt zu machen, um die präventive Arbeit voranzutreiben.

Gegenwind:

Für welche Region bist Du denn zuständig? Dürfen Leute aus Nordrhein-Westfalen anfragen?

Sobitha Balakrishnan:

Das dürfen sie natürlich, aber die Fachstelle agiert erstmal nur landesweit. Natürlich kann ich mit ihnen ein erstes Telefongespräch führen und gucken, ob es örtliche Stellen gibt, die sich damit beschäftigen. Dann muss ich sie aber weiterleiten, ich kann sie nicht längerfristig betreuen.

Gegenwind:

Gibt es denn vergleichbare Einrichtungen in anderen Bundesländern?

Sobitha Balakrishnan:

Ich würde sagen: gar keine. Die Fach- und Informationsstelle mit ihrem Format ist tatsächlich einmalig im Bundesgebiet. Es gibt Stellen, sie sich hauptsächlich mit Rechtsextremismus befassen und in einem zusätzlichen Projekt oder in einem Teilbereich mit türkischem Ultranationalismus beschäftigt haben. Aber ausschließlich mit dem Phänomen beschäftigt sich nur „diyalog“.

Gegenwind:

Wie groß ist das Problem in Schleswig-Holstein? Es gab ja immer mal Auseinandersetzungen zwischen türkischen und kurdischen Gruppen. Das muss aber nicht immer einen „Ultranationalismus“ als Hintergrund haben.

Sobitha Balakrishnan:

In Schleswig-Holstein gibt es bestimmte Hotspots. Dort kocht es immer mal wieder hoch. Dazu gehören Neumünster, in Kiel gibt es den einen oder anderen Ort, der Hamburger Rand, und Flensburg. Im letzten Jahr, als die Türkei in Nordsyrien einmarschiert ist, hat man wieder Bewegungen feststellen können. Aber im Vergleich zu anderen Bundesländern, z. B. Nordrhein-Westfalen, ist das Problem hier kleiner. Trotzdem: Vor einigen Jahren wurde es auf Straßen ausgetragen, vor allem in Form von Gewalttaten. Mittlerweise versuchen viele Ultranationalist*innen, den Ball flach zu halten. Das heißt aber nicht, dass das Problem weg ist. Es verschiebt sich in subtilere Formen. So machen zum Beispiel Schüler*innen mit kurdischem Hintergrund hin und wieder Diskriminierungserfahrungen, sie werden beleidigt oder beschimpft von Mitschüler*innen mit einem türkischen Hintergrund. Wenn man sich mit Fachkräften aus Schulen unterhält, kommt da viel zurück - „in meiner Klasse habe ich schon mal was festgestellt“. Das Problem ist da, aber im bundesweiten Vergleich hier nicht so stark vertreten.

Gegenwind:

Wie ist die Zusammenarbeit mit anderen Stellen? Es gibt hier ja auch Stellen, die sich mit Rechtsextremismus oder Salafismus beschäftigen. Haben die das Thema „Ultranationalismus“ auf dem Schirm? Arbeiten sie mit Dir zusammen? Reichen sie Informationen weiter?

Sobitha Balakrishnan:

Ja, das passiert. Zum Beispiel in Facharbeitskreisen. Es gibt Facharbeitskreise in Schleswig-Holstein, die sich allgemein mit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit beschäftigen. Da kommen unterschiedliche Akteurinnen oder Akteure zusammen, die vor allem das Ziel haben, die freiheitlich-demokratische Grundordnung zu schützen. Womit man sich dann im Konkreten beschäftigt, sei es der türkische Ultranationalismus, Islamismus und so weiter und so fort, das ist dann projektspezifisch. Aber dieser Austausch und die Vernetzung bestehen auf jeden Fall. Und auf die Türkische Gemeinde bezogen, haben wir im Bereich der Radikalisierungsprävention, wo ich jetzt mit drin sitze, auch „PROvention“ zum Beispiel, die Beratungsstelle gegen religiös begründeten Extremismus, dann haben wir „Kick-off“, die sich mit Radikalisierungsprozessen in Gefängnissen auseinandersetzen, dann haben wir die bundesweite Fachstelle „Liberi“, die sich mit Kindern beschäftigt, die in salafistisch geprägten Familien aufwachsen. „Sabil“, ein weiteres Projekt, bietet Online-Beratung in diesem Bereich an. Also alleine im Team hier besteht schon ein reger Austausch. Und das versuchen wir auch mit anderen Institutionen, Trägern und Vereinen aufrecht zu erhalten. Es ist auf jeden Fall eine gute Grundlage da.

Gegenwind:

Es gibt ja auch Gruppen, die sich mit deutschem Nationalismus beschäftigen. Haben sie das Thema auch auf dem Schirm? Denn die Nationalismus selbst arbeiten ja wenig zusammen.

Sobitha Balakrishnan:

Türkischer Ultranationalismus ist in seiner extremen Form Rechtsextremismus. Ich weiß nicht, inwieweit es sinnvoll ist, an dieser Stelle zwischen türkisch und deutsch und anderen Nationalismen zu unterscheiden. Es sind wesensverwandte Phänomene. Im Sinne der Kontext-Arbeit ist es sehr wichtig, das im Auge zu behalten. Das passiert erstens durch die Vernetzung und den Austausch, die ich schon angesprochen habe. Aber es passiert auch in der Recherchearbeit. Ultranationalistische Phänomene bewegen sich ja nicht im luftleeren Raum, sondern haben Anknüpfungspunkte. Und es ist wichtig, diese im Auge zu behalten.

Gegenwind:

Reagiert die nationalistische Szene darauf, dass es so eine Stelle gibt?

Sobitha Balakrishnan:

Bisher habe ich nichts davon mitbekommen.

Gegenwind:

Sie könnten ja aggressiv werden und drohen, oder sie könnten vorsichtiger werden und sich besser tarnen.

Sobitha Balakrishnan:

Den ersten Punkt kann ich verneinen. Erfreulicherweise ist da noch nichts passiert. Der zweite Punkt stimmt, aber meines Wissens nach ist es nicht nach der Einrichtung der Fachstelle zu Umbenennungen oder Tarnungen gekommen. Die lokalen Vereine sind im Bereich der Jugend- und Kulturarbeit zu verorten und nennen sich dementsprechend. Erst bei einer näheren Betrachtung fällt der Bezug zum Ultranationalismus auf.

Gegenwind:

Wie unterscheidet man zwischen harten Nationalisten und Jugendlichen, die nur ein bisschen provozieren wollen?

Sobitha Balakrishnan:

Bei Jugendlichen ist es wichtig sie nicht sofort in die Schublade „Ultranationalisten“ zu stecken, sondern ins Gespräch zu gehen. Also mit Fragen ein kritisches Hinterfragen anzuregen. Denn es gibt eine aktive, aber unorganisierte Szene in dem Bereich, die sich vor allem auf Online-Plattformen bewegt. Da fällt auf, dass der Großteil kein gefestigtes Weltbild hat, sondern sich dort nur Versatzstücke dieser Ideologie wiederfinden. Es fällt auf, dass viele einschlägige Symbole als Accessoire tragen, weil sie es gerade cool finden oder dazu gehören möchten, aber gar nicht wissen, was ideologisch dahinter steckt. Und auf dieser Ebene sollte man mit den Jugendlichen arbeiten und gucken, dass man sie nicht gleich abstempelt, sondern sie im Gespräch dazu ermuntert, sich damit auseinanderzusetzen.

Gegenwind:

Es ist doch wahrscheinlich überwiegend eine Männerszene. Hast Du Zugang, ein Gefühl dafür, warum sie so ticken? Kannst Du als Frau Ultranationalismus nachvollziehen?

Sobitha Balakrishnan:

Wenn ich mir pädagogisch angucke, welche Faktoren Jugendliche in solch eine Szene treiben, dann sind es meistens soziale Bedürfnisse, die dahinter stecken, die von der Szene abgedeckt werden. Jugendliche bekommen das Gefühl, sie können darin aufgehen, sie haben dort eine Gemeinschaft gefunden. In der Hinsicht kann ich das natürlich verstehen und sehe damit gleichzeitig die Lücke in der Mehrheitsgesellschaft, diesen Jugendlichen Gegen-Angebote anzubieten, um diese Bedürfnisse anderweitig zu befriedigen. Es gibt aber auch Fälle, in denen Menschen in diese Szene reingeboren werden, darin aufwachsen und die Ideologie gar nicht im Vordergrund steht, sondern einfach nur das Gemeinschaftsgefühl. Freunde, die Gemeinschaft, Familie, das persönliche Netzwerk stehen dann im Vordergrund und nicht die Ideologie.

Gegenwind:

Sind denn Frauen oder Mädchen in der Szene?

Sobitha Balakrishnan:

Ja. Es ist, wie Du gesagt hast, natürlich eine männer-dominierte Szene. Das ist keine Frage. Aber das heißt nicht, dass Frauen dort nicht vertreten sind. Und wenn sie dort vertreten sind, heißt es nicht, dass sie nur Opferrollen einnehmen. In Führungspositionen sind sie nach wie vor nicht oft anzutreffen, aber sie übernehmen Aufgaben wie Vorträge zu halten oder Mädchengruppen zu leiten, auch zu rekrutieren. In diesen Feldern sind sie immer mal wieder anzutreffen.

Gegenwind:

Wie ist das Projekt langfristig angelegt? Jedes Jahr ein Antrag stellen? Oder gibt es vom Land irgend ein Signal, dass man das Problem grundsätzlicher angehen möchte?

Sobitha Balakrishnan:

Das Projekt wurde jetzt, wie gesagt, erst mal für 2020 weitergefördert. Wie es danach weitergehen wird, kann ich an dieser Stelle leider nicht sagen. Wir sind bemüht, in diesem Jahr Materialien zu erarbeiten, vor allem Handreichungen für pädagogische Lehrkräfte bzw. Fachkräfte generell zu erarbeiten. Alles Weitere wird sich im Laufe des Jahres zeigen.

Gegenwind:

Wer kann sich an Dich wenden? Und wie?

Sobitha Balakrishnan:

Das „Wie“ kann ich einfacher beantworten. Telefonisch oder per E-Mail bin ich zu erreichen. Die Kontaktdaten stehen auf unserer Webseite. Zur ersten Frage: Eigentlich alle. Es ist eben eine Fach- und Informationsstelle. Meine Arbeit ist gewissermaßen auf Hinweise von Menschen angewiesen. Wenn Entwicklungen in der Szene beobachtet werden, wenn Eltern in der Klasse ihres Kindes Entwicklungen beobachten, können sie gerne bei „diyalog“ nachfragen oder ihre Beobachtung einfach nur melden. Es können sich aber auch Fachkräfte an uns wenden, um Weiterbildungen zu buchen, um Workshops für Jugendliche zu buchen, aber auch um Vorträge anzufragen oder auch nur Informationsmaterialien zu bestellen.

Gegenwind:

Gibt es eine Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen? Wer Dir eine Beobachtung mitteilt - wird die weiter gegeben? Oder bleibt man anonym?

Sobitha Balakrishnan:

Wenn hier jemand anruft und etwas mitteilt, bleibt es hier. Personenbezogenen Daten werden auf gar keinen Fall weitergegeben. Das Dokumentieren der Anfragen, von denen ich vorhin erzählt habe, und Meldungen ist für uns wichtig, wenn wir Berichte schreiben für das Land, unseren Geldgeber.

Interview: Reinhard Pohl

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