(Gegenwind 234, März 2008)

Diskussion: Türkisch-Unterricht an Schleswig-Holsteins Schulen? - Teil 3

Schulen öffnen sich - auch für Interkulturelles Lernen und das Fach Türkisch?

Angelika Birk

Der neue offizielle Kurs der Landesregierung für die Schulen heißt: Gemeinsames Lernen und individuelle Förderung. Vor diesem Hintergrund ergeben sich für Kinder mit Migrationshintergrund neue Perspektiven.

In einigen Schulen Schleswig Holsteins wird die Sprache einer großen Einwanderergruppe anerkannt: Russisch ist als politische Geste nach dem zweiten Weltkrieg mancherorts zweite Fremdsprache. Dies nützt jedoch den meisten, die sie als SchülerInnen muttersprachlich in Kita und Schule mitbringen, wenig, denn sie finden sich aufgrund der Auslese nach dem vierten Schuljahr häufig nicht in einem der wenigen Gymnasien mit Russisch, sondern in der Haupt- oder Realschule, wo es dieses Angebot nicht gibt. Ein Unding!

Noch unerreichbarer ist die schulische Förderung der Zweisprachigkeit für Kinder mit türkischer oder kurdischer Muttersprache.

Die GRÜNE Landtagsfraktion hat durch ihren Antrag für interkulturelles Lernen und die Beschäftigung von PädagogInnen mit Migrationshintergrund in Kindergärten und Schulen, erstmals auch die Koalitionsfraktionen für dieses Anliegen gewonnen. Diese legten nach interner Diskussion den GRÜNEN Antrag in leichter veränderter Fassung vor, der so im Februar die Zustimmung des ganzen Landtags fand.

Zuvor haben ebenfalls Ende letzten Jahres erstmals die Kulturministerkonferenz und die großen Migrantenverbände einen Vertrag unterzeichnet, der das Thema interkulturelle Erziehung und Beschäftigung von MigrantInnen als Fachleute im deutschen Bildungssystem befördern soll.

Hat damit nun endlich die beschämende Praxis ein Ende, pädagogische Fachleute mit Migrationshintergrund überwiegend befristet und schlecht bezahlt zu beschäftigen, weil die Examina von LehrerInnen und ErzieherInnen aus dem Ausland nicht anerkannt werden?

Wir freuen uns, dass endlich mehr in das frühe und bessere Lernen der deutschen Sprache in den in den Kindertagesstätten investiert wird. Den Beginn dieser Entwicklung haben wir noch in der alten Landesregierung durchgesetzt. Doch wie können auch die muttersprachlichen Sprachkenntnisse der MigrantInnen in Kindertagesstätten und Schulen gepflegt und genutzt werden? Türkisch kommt in deutschen Schulen als Fach nicht vor. Wann wird dies geändert?

Zu diesen Fragen sind wir mit VertreterInnen von Migrantenverbänden und anderen Fachleuten im Gespräch und werden das Bildungsministerium dazu weiterhin fordern.

Bedauerlicherweise werden die Weiterentwicklung der Muttersprache und der Erwerb guter Deutschkenntnisse immer wieder gegeneinander ausgespielt. Während Kindern mit Eltern englischsprachiger Herkunft selbstverständlich die Förderung eines bilingualen Aufwachsens empfohlen wird und dies in der Schule Vorteile bringt, wird über Familien, die zuhause türkisch mit ihren Kindern sprechen, die Nase gerümpft.

Wenn in den letzten Jahren die Förderung zweisprachigen Aufwachsen durch die Schule im Bildungsausschuss des Landtags Thema war, dann deshalb, weil deutschsprachige Eltern forderten, dass ihre Kinder in Kita und Schule Englisch wie eine Muttersprache lernen sollten.

Die große Verantwortung und Kompetenz, die Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund dadurch erwerben, dass sie für ihre des Deutsch noch nicht so mächtigen erwachsenen Angehörigen dolmetschen, wird hingegen an ihrer Schule kaum bekannt, geschweige denn gewürdigt. Eine interkulturelle Erziehung hingegen müsste solche Kompetenzen wertschätzen und für alle nutzbar machen.

Trotz allem Umbruchs in der Schullandschaft, die deutsche Schulministerien denken und rechnen immer noch mit Unterrichtsstunden und Schulfächern. Ein tatsächlicher Schritt zur schulischen Anerkennung einer Sprachkompetenz muss sich daher über eine allgemeine interkulturelle Schulkultur hinaus, auch in Etablierung von Türkisch als offizieller und benoteter Fremdsprache an der Schule niederschlagen.

Warum ist die Einrichtung neuer Fremdsprachen und die Förderung bilingualen Lernens auch in Schleswig Holstein so schwer? Zum deutschen Schulbildungskanon gehören neben dem schulischen humanistischen Spracherbe von Latein und Griechisch, traditionsgemäß Englisch als Welthandelssprache und Französisch als Diplomatensprache, sowie Sprache des engsten politischen Verbündeten Deutschlands. Dieser Kanon wurde an wenigen weiterführenden Schulen durch Spanisch und Russisch ergänzt und in Schleswig Holstein genießt außerdem die Dänische Minderheit staatsvertraglich verbriefte schulische Sonderrechte.

Wenn die tatsächlich gesprochenen Sprachen der Eingewanderten, sowie die kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen zu ihrem Herkunftsland zum Ausgangpunkt des Lernen in deutschen Kindertagesstätten und Schulen gemacht werden, heißt dies, die Herkunfts- und Lernperspektive der Eingewanderten auf gleiche Augenhöhe mit den bisherigen deutschen - Sprachentraditionen zu bringen.

Dies ist nicht nur organisatorisches Neulandů- , aber die Schullandschaft in Schleswig Holstein ist im Aufbruch. Diese Chance gilt es, mit Mut und Diplomatie zu nutzen.

Angelika Birk

Stellvertretende Fraktionsvorsitzende und bildungspolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen im Landtag Schleswig-Holstein

Weitere Beiträge zur Diskussion (auch von Teil 1 und 2 aus dem Gegenwind (Nr. 233, Februar 2008 und Nr. 234, März 2008))

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