(Gegenwind 177, Juni 2003

Gegenwind-Dolmetscher-Treffen

Fehlendes Puzzle-Teil

Eigentlich begann es im September 2002 ganz harmlos: Für die geplanten Besuche in den beiden Landesunterkünften für Flüchtlinge suchten wir Dolmetscherinnen und Dolmetscher. Und da wir in regelmäßigen Abständen Interviews mit Migrantinnen und Migranten machen, schrieben wir in unseren Aufruf gleich rein, dass wir eine kleine Kartei anlegen und auch gerne aushelfen, wenn mal eine Beratungsstelle Übersetzungsdienste benötigt.

Fortbildung für DolmetscherInnen: Torsten Döhring referiert in Lübeck über "Dolmetschen für Menschen ohne Papiere"

Das Echo war überwältigend: Bis zum zweiten Besuch einer Landesunterkunft im November hatten sich schon 80 DolmetscherInnen gemeldet, Ende des Jahres waren es 120, und zu Ostern wurde die Grenze von 200 ausgefüllten Karteikarten überschritten. Inzwischen veranstaltet der Gegenwind alle 14 Tage ein Dolmetscher-Treffen, zu dem Referentinnen und Referenten unterschiedlicher Fachrichtungen eingeladen werden. Wir haben eine Datenbank angelegt, in der bisher etwa 180 DolmetscherInnen für über 60 verschiedene Sprachen erfasst sind. Da sich die Wohnorte auf ganz Schleswig-Holstein und Hamburg verteilen, ist das noch gar nicht so viel, wenn Beratungsstellen z.B. aus Geesthacht oder Schleswig jemanden suchen. Denn bestimmte Beratungsstellen haben inzwischen einen Online-Zugriff auf die Datenbank. Dabei handelt es sich vom Gegenwind aus um eine reine Vermittlungstätigkeit, wir nehmen natürlich keine Prüfungen ab oder garantieren bestimmte Fähigkeiten. Auf den Karteikarten vermerken die Dolmetscherinnen und Dolmetscher selbst ihre Ausbildung und ihre Erfahrung, diese sind aber bei den einzelnen DolmetscherInnen sehr unterschiedlich. Wer eine Übersetzung braucht, muss also selbst ermitteln, mit wem er/sie sich in Verbindung setzt.

Dolmetscherinnen und Dolmetscher

Das Berufsbild einer Dolmetscherin oder eines Dolmetschers ist vergleichsweise unklar. Es gibt Studiengänge, in Schleswig-Holstein an der Universität Flensburg, die Dolmetschen und Übersetzen unterrichten und mit einem Diplom abgeschlossen werden. Diese Ausbildungen sind teilweise spezialisiert, so wird in Flensburg einerseits das technische Übersetzen unterrichtet, womit dann das Handbuch für eine hier gebaute Fähre in eine andere Sprache übersetzt werden kann, oder es wird das Dolmetschen Deutsch-Dänisch bzw. Deutsch-Englisch unterrichtet. Daneben gibt es eine Reihe von privaten Schulen, die Ausbildungen anbieten, das Niveau ist sehr unterschiedlich. Für den Beruf selbst gibt es bestimmte Rahmenbedingungen an Gerichten, bei der Polizei und staatlichen Behörden, die z.T. Prüfungen abnehmen, hauptsächlich aber die DolmetscherInnen vereidigen. Mit der Vereidigung verpflichten sich die Betroffenen zu wahrheitsgemäßer Übersetzung und zur Verschwiegenheit Unbefugten gegenüber, Verstöße dagegen werden empfindlicher bestraft als bei unvereidigten DolmetscherInnen. In weiten Teilen der Tätigkeit gibt es aber keinerlei Regelungen. So übersetzen in Krankenhäusern, bei Sozialämtern, in Beratungsstellen etc. Tausende von mehrsprachigen MigrantInnen bis hin zu Kindern, deren Leistungen von niemandem beurteilt werden können. Gerade Krankenhäuser behelfen sich, wenn PatientInnen keine Bekannten oder Familienangehörigen mitbringen können, so weit wie möglich mit eigenem Personal, das gerade im Bereich der Reinigung und Essensversorgung aus MigrantInnen besteht. Angesichts der Tatsache, dass viele deutsche PatientInnen schon erhebliche Probleme haben, Erläuterungen von Arzt oder Ärztin zu verstehen, bleibt hier oft fraglich, wie viele Informationen tatsächlich eins zu eins transportiert werden. Allerdings haben sich beim Gegenwind auch viele MigrantInnen gemeldet, die seit zwanzig oder dreißig Jahren ehrenamtlich auf diesem Gebiet arbeiten und mit ihrer Erfahrung vieles an fehlender Ausbildung wettmachen können - darüber hinaus sind viele durch ihre Kenntnisse der Herkunftskulturen vielen ausgebildeten DolmetscherInnen überlegen, die "nur" Sprache und Didaktik gelernt haben.

Dolmetscher-Treffen

Sehr gut besucht sind die Dolmetscher-Treffen, zu denen der Gegenwind seit Anfang 2003 alle 14 Tage einlädt. Sie finden reihum in verschiedenen Städten statt, so dass meistens unterschiedliche Dolmetscherinnen und Dolmetschern kommen, es sind aber selten weniger als 15, oft mehr als 25. Themen sind ausländergesetzliche Bestimmungen oder bestimmte Einsätzfelder, zum Beispiel Krankenhäuser oder Gerichte. Hier werden fachkundige Referentinnen und Referenten eingeladen, gleichzeitig bemühen wir uns darum, parallel zu den Treffen aus den Manuskripten der ReferentInnen ein "Dolmetscher-Handbuch" zu entwickeln.

Mitmachen?

Melden können sich noch alle Dolmetscherinnen und Dolmetscher aus Schleswig-Holstein und Hamburg, die Interesse daran haben, zu den Treffen eingeladen zu werden und/oder Aufträge vermittelt zu bekommen. Melden können sich auch alle, die gelegentlich oder öfter Dolmetsch-Leistungen oder Übersetzungen benötigen. Wer (bezahlte) Aufträge zu vergeben hat, kann Zugang zur beschriebenen Datenbank bekommen. Melden sollten sich alle, die dieses Projekt unterstützen wollen. Insbesondere benötigen wir zur Zeit regelmäßige Spenden für Rundbriefe (Kopien, Porto) und Fahrtkosten. Da nicht alle ReferentInnen umsonst kommen und nicht alle Räume kostenlos zu bekommen sind, werden wir in Zukunft auch Geld brauchen, um interessante und ergebnisreiche Dolmetscher-Treffen organisieren zu können.

Fehlendes Puzzle-Teil

Bei dem großen Interesse, mit dem wir überraschend konfrontiert wurden, gehen wir davon aus, dass wir innerhalb der Migration und Integration eine Lücke entdeckt haben: Sprachmittlung und auch Kulturmittlung lief bisher unorganisiert ab, auch die dort ehrenamtlich Tätigen, mehrsprachige Migrantinnen und Migranten, berichten auf den Treffen, dass sie vieles mit mehr oder weniger Unsicherheit vermittelt haben. Das erklärt den großen Zustrom zu den jetzt angebotenen, wenn auch noch unsystematischen Fortbildungen. Auch das Finden geeigneter DolmetscherInnen scheint bisher in weiten Bereichen nach dem Zufallsprinzip erfolgt zu sein. Möglicherweise ist dieses Projekt des Gegenwind, wenn auch zufällig entstanden, ein fehlendes Puzzle-Teil.

Reinhard Pohl

Spendenkonto für UnterstützerInnen: Gesellschaft für politische Bildung e.V., Postbank Hamburg (BLZ 200 100 20), Konto 1300 19-201. Spenden können von der Steuer abgesetzt werden. www.dolmetscher-treffen.de

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